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Pressemitteilung vom 20.03.2019

Einmalig in Deutschland: Planerwerkstatt von AGFS und Straßen.NRW liefert kreative Ideen zum Radverkehr

Witten (straßen.nrw). Sollen sich Radfahrer die Straße mit den Autos teilen? Oder soll es einen eigenen Radweg geben? Wie muss eine Kreuzung aussehen, wenn immer mehr Menschen mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs sind? Das sind Fragen, die sich die Teilnehmer der ersten gemeinsamen Planerwerkstatt der Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte (AGFS) und Straßen.NRW in Witten gestellt haben. Acht kommunale Verkehrsplaner hatten konkrete Fälle aus ihrer Stadt mitgebracht. Gemeinsam mit den Experten von Straßen.NRW wurden zum Teil kreative Lösungsvorschläge gemacht.

„Es war nicht das Ziel, am Ende des Tages eine ausgearbeitete Planung auf dem Tisch zu haben. Wir wollten in einen Austausch kommen, um gemeinsam die besten Lösungen zu finden“, sagte Elfriede Sauerwein-Braksiek, Direktorin des Landesbetriebes Straßenbau Nordrhein-Westfalen, am Ende des Treffens. Auch Christine Fuchs, Vorstand der AGFS, betonte, dass es zunächst darum gehe, zwei Planungskulturen zu einander zu bringen. „Wir sind dabei, eine gemeinsame Sprache zu finden“, so Fuchs. „Und das ist in Deutschland einmalig.“

Anforderungen haben sich gewandelt

Das Beispiel der B226 in Herne zeigt, wie sich die Anforderungen an die Planung gewandelt haben. Die Bundesstraße ist vor gut 25 Jahren nach damals modernstem Standard vierspurig ausgebaut worden – für den Autoverkehr. Dass 2019 nun darüber nachgedacht wird, wie man diese Straße auch für Radfahrer komfortabel und sicher nutzbar macht, spiegelt die neuen Anforderungen wider. „Die Mobilität der Menschen verändert sich. Und unsere Infrastruktur muss sich diesem Wandel anpassen“, sieht Elfriede Sauerwein-Braksiek große Herausforderungen auf den Landesbetrieb zukommen. Denn: Der Verkehr insgesamt hat zugenommen. „Gleichzeitig haben wir nicht mehr Platz, den wir verteilen können.“ In einer Planerwerkstatt auch einmal über die Richtlinien hinaus zu denken, sei dabei der richtige Ansatz. „Auch wenn wir nicht alles 1:1 umsetzen können.“

Das Darüberhinaus-Denken stellt sich Verkehrsplaner Franz Linder, der die Planerwerkstatt im Auftrag der AGFS organsiert hat, durchaus wörtlich vor: Für eine hoch belastete Kreuzung in Unna wäre der Entwurf einer zweiten Ebene spannend gewesen, die Fußgänger und Radfahrer sicher und vor allem vom übrigen Verkehr unbelastet die B1 queren lässt. „Eine Vision“, sagt Linder. „Doch es gibt Punkte in unserer Infrastruktur, an denen wir anders nicht mehr weiterkommen.“

Unterschiedliche Materialien nutzen

Dass es nicht bei Visionen bleiben muss, zeigen anderen Beispiele, die in der Planerwerkstatt auf dem Tisch lagen. In Rietberg (Kreis Gütersloh) könnte eine Einbahnstraßen-Regelung helfen, den Autoverkehr auf einer engen Straße so zu reduzieren, dass Radfahrer mehr Platz bekommen. In Dülmen-Rorup (Kreis Coesfeld) würden die Planer den Verkehr gerne mit kleinen Kreisverkehren „ausbremsen“ und die schmale Ortsdurchfahrt auch noch begrünen. Der Einsatz von unterschiedlichen Materialien zur Fahrbahngestaltung könnte im Kerpener Ortsteil Türnich (Rhein-Erft-Kreis) eine Lösung sein, den Radfahrern mehr Sicherheit zu geben und Autofahrer aufmerksamer zu machen. Zudem möchte man mit Piktogrammen auf der Fahrbahn arbeiten, die anzeigen, dass Autos und Radfahrer gemeinsam Nutzer der Straße sind. „Eine Studie hat ergeben, dass diese Piktogramme auf der Fahrbahn eher dazu führen, dass Autofahren einen ausreichenden Sicherheitsabstand einhalten als die so genannten Schutzstreifen, die Autofahrer oft als Randmarkierung ihrer Fahrbahn wahrnehmen“, so Michael Vieten, Verkehrsplaner aus Neuss, der den Workshop-Teilnehmern zu Seite stand. Entsprechend nah würde dann an den Radlern vorbeigezogen.

Für Euskirchen-Kuchenheim wurde darüber nachgedacht, die gleichen Ziele wie in Türnich mit dem Einbau eines Multifunktionsstreifens in der Fahrbahnmitte zu erreichen. Dadurch würde auch Fußgängern das Queren erleichtert und eine verkehrsberuhigende Wirkung auf den Kfz-Verkehr erzielt. Für die Führung eines Radschnellweges in Bielefeld-Ummeln hatten die Planer die Idee, eine Einbahnstraße mit einer Fahrradstraße zu kombinieren und so mehr Raum für den Rad- und Fußverkehr zu realisieren. Die Ortsdurchfahrt in Neuss-Grimlinghausen könnte durch verschiedene punktuelle Maßnahmen, wie die Gestaltung von Eingangsbereichen am Ortsanfang, und die Anlage von baulichen Radwegen sowohl optisch aufgewertet als auch sicherer sowie fußgänger- und fahrradfreundlicher werden.

Aufmerksamkeit erhöhen

Karl-Heinz Schäfer, Professor für Verkehrsplanung und Straßenentwurf in der Fakultät für Bauingenieurwesen und Umwelttechnik der TH Köln, Mitglied des Beirates der AGFS und in der Planerwerkstatt ebenfalls als Experte dabei, sieht in der Gestaltung einer Straße gute Chancen, trotz schwieriger Platzverhältnisse ein Miteinander der Verkehrsteilnehmer zu ermöglichen. „Eine gute Übersicht sowie erhöhte Aufmerksamkeit zu schaffen und durch gestaltete Flächen die Geschwindigkeit zu reduzieren, kann ein Lösungsansatz sein.“ An der B226 in Herne könnten Kunst und Licht helfen, die Straße optisch so zu verändern, dass sie auch für Fußgänger und Radfahrer attraktiver wird. Ihre Leistungsfähigkeit als überregionale Straße würde sie damit nicht verlieren. Ein Ergebnis also, mit dem die kommunalen Planer wie auch die von Straßen.NRW nun weiterarbeiten wollen. „Das ist eine Partnerschaft, die mit dieser Planerwerkstatt begonnen hat“, ist Christine Fuchs zuversichtlich, dass es nicht das letzte Treffen gewesen ist.

Pressekontakt: Susanne Schlenga, Telefon 0209-3808-333; Benjamin Wührl (AGFS), Telefon 0221-20894-26

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